| Anekdoten
(allesamt entnommen dem Buch von M. Götzen
zum 125-jährigen Jubiläum der Bruderschaft
"Werden und Sein". )
Manöver
Traditionell fand montags, später dienstags,
am Schützenfest ein Manöver statt,
bei dem anfangs sogar mit Platzpatronen
geschossen wurde. Dazu stellte sich ein
Teil des Schützenzuges an der alten
Landstraße östlich der Gaststätte
Merten (heute Liedberger Landgasthaus) und
ein Teil am Drölsholzer Weg bei der
früheren Gaststätte Speck auf.
Nach einem gegebenen Zeichen marschierten
dann beide Teile, angeführt von der
Kavallerie und begleitet von Trommlern und
Pfeifern, aufeinander zu, um sich in der
Mitte des Feldes in Höhe des alten
Grabens zu einem lautstarken aber wenig
ernsten Scheingefecht zu treffen. Je nach
witterungsbedingtem Zustand des Ackers war
vom Weiß der Hosen anschließend
nicht mehr viel zu sehen, was der Festtagsfreude
jedoch keinen Abbruch tat. Am letzten Abend
der Kirmes drückten die Verantwortlichen
ohnehin meist ein Auge zu, was die allgemeine
Ordnung betraf.
Sani
Zu einem echten Schützenregiment gehörte
ein Sanitäter, der in den 20er Jahren
sogar in den Sanitätsoffiziersrang
aufstieg. Neben einer Roten-Kreuz-Binde
war sein wichtigster Ausrüstungsgegenstand
ein geschulterter "Affe". Speziell
am letzten Kirmestag wurde der Sanitätsdienst
besonders gefordert, wenn die Taschen der
Schützen leer waren, der Durst aber
immer noch groß. Bei den Umzügen
erschallte dann des öfteren der Ruf
"Sani!", weil einer der Kameraden
vor Schwäche zu Boden gesunken war.
Der flugs vom Ende des Zuges herbeigeeilte
Sanitäter zauberte dann aus dem Affen
eine Flasche Schnaps hervor und verhalf
dem Ermatteten zu einem stärkenden
Schluck, worauf dieser dann seinen Dienst
bis zum Kirmesende weiterführen konnte.
Der Schießmeister
Bis zum 2. Weltkrieg war zum Vogelschuß
noch eine schwere, alte Büchse in Gebrauch,
die dem Offizier des Bruderschaftszuges
Peter Spinnrath, wohnhaft an der "Bockstation"
im Hüsgesend bei Drölsholz, gehörte.
Die Büchse war ein großkalibriges
Ungetüm mit außen achtkantigem
Lauf und innen glattem Rohr. Für ihre
Bedienung war ein besonderer Schießmeister
erforderlich, nämlich der oben genannte.
Jeder Schuß mußte einzeln vor-bereitet
werden. Dazu drückte der Schießmeister
zuerst mittels einer besonderen Zange ein
neues Zündhütchen in die wiederverwendbare
Patronenhülse. Dann gab er eine bestimmte
Menge Schwarzpulver aus dem Pulverhorn in
die Hülse und preßte danach wiederum
mit einer besonderen Zange die selbstgegossene
Bleikugel auf. Schließlich wurde die
Kugel noch einmal eingefettet, damit sie
auch schnell genug den Lauf verließ.
Es verstand sich von selbst, daß der
Schießmeister für seine Mühen
besonders entlohnt wurde. Die Büchse
ist leider seit dem Ende des letzten Krieges
verschollen.

Die "Donnerbüchse"
Da man die Schwarzpulverladung der Patrone
beliebig variieren konnte, wurde manchem
Schützen ein Streich gespielt. Kam
ein Angsthase an die Reihe oder wollte jemand
unbedingt den Vogel von der Stange holen,
so flüsterten Eingeweihte dem Schießmeister
zu: "Dreifache Ladung!" Da die
Ängstlichen das Gewehr weit von der
Schulter hielten, bekamen sie durch den
Rückstoß einen solchen Schlag
mit dem Kolben, daß es sie manchmal
vom Stuhle riß oder sie zumindest
eine ordentliche Schulterprellung oder eine
geschwollene Backe davontrugen. Da zu Beginn
des Schießens stets eine Anzahl Patronen
vorbereitet war, wurde bei schneller Schußfolge
das Rohr glühend heiß, zumal
bei jedem Schuß eine meterlange Stichflamme
aus dem Lauf schoß. Da nun das Gewehr
niemand mehr anfassen konnte, aber man keine
langen Abkühlungszeiten in Kauf nehmen
wollte, hielt man das Gewehr der Einfachheit
halber unter die nebenstehende Pumpe. Nach
ein paar kurzen Schwengelschlägen war
das Rohr soweit abgekühlt, daß
man weiterschielen konnte. Bei der Schwere
der Kugeln erwies sich der Kugelfang des
Schießstandes bei Stappen als wahre
Fundgrube für Buntmetalle, konnte man
doch bei Überholung desselben unmittelbar
nach dem Kriege Fünf Zentner Blei herausholen
und wieder einschmelzen.

Der Königsvogel
Die schwere Büchse erforderte natürlich
einen besonders widerstandsfähigen
Vogel. Dem Schießmeister Peter Spinnrath
oblag zusätzlich die Aufgabe, einen
solchen herzustellen. Zu diesem Zweck grub
er etliche Wochen vor dem Schießen
einen Wurzelstock einer alten "Heggebööke"
(Hainbuche) aus und kochte ihn mehrere Tage
im "Pännchen" gründlich
aus. Danach ließ er ihn trocknen,
brachte ihn in die Form eines Vogels und
setzte ihn auf die Stange. Das Ungeheuer
war natürlich sehr schwer. Die Jungen
konnten ihn dienstags beim Umzug (vor Vogelschuß)
nur tragen, wenn sie sich mehrfach abwechselten.

Der "elme Vuerel"
Das Ausschießen eines Königs
in den einzelnen Schützenzügen
ist eine beliebte Angelegenheit. Ein Schützenzug
mit recht treffsicheren Schützen hatte
oft das Problem, daß der gelieferte
Vogel nach nicht allzuvielen wohlgesetzten
Schüssen die Stange verließ.
Man beschloß daher, keinen fertigen
Vogel vom Gastwirt mehr zu kaufen, sondern
sich nur noch auf eigene Produktion zu verlassen.
Da nun trotz Protesten diese Aufgabe reihum
gehen sollte, verfiel eines der Zugmitglieder,
das gerade an der Reihe war, auf eine besondere
Idee, um sich für alle Zeiten dieser
Aufgabe zu entledigen. Er stellte zur Bedingung,
daß sein nur aus Holz und Leim gefertigter
Vogel von normaler Größe heruntergeschossen
werden müsse, gleichgültig, wie
lange es dauere. Nichts Böses ahnend
waren alle einverstanden. Der besagte Schützenbruder
besorgte sich ein Stück selten gewordenes
Ulmenholz, welches nicht nur besonders hart,
sondern durch seinen Drehwuchs so gut wie
unspaltbar ist. Der Vogelschuß begann
am zeitigen Samstagnachmittag. Bei Einbruch
der Dämmerung hielt der Vogel sich
noch ungerührt auf der Stange. Es lagen
zwar eine Menge kleiner Späne und plattgedrückter
Kugeln unter dem Stand, ansonsten war jedoch
nicht viel zu sehen. So mußten alle
Schützen am nächsten Morgen wieder
erschei-nen, um dem Vogel von neuem zuzusetzen.
Am Nachmittag, nach insgesamt 1563 Schuß,
war der Vogel dann so weit mürbe geworden,
daß er sich von der Stange löste.
Der besagte Vogelhersteller wurde nie mehr
gezwungen, einen Vogel herzustellen.

Der "Vogelputz"
1923, auf dem Höhepunkt der Inflation
und der Zeit des passiven Widerstandes,
bestand Schießverbot durch die belgischen
Besatzungsbehörden. Auslosen wollte
man jedoch auch nicht, weil wegen der schlechten
Zeit so gut wie keine Bewerber vorhanden
waren. Außerdem ging dies zu schnell
und war völlig ohne Spannung. Das Königsgeld
betrug zwar 30 Millionen Mark, verlockte
aber trotzdem nicht. So kam man auf die
Idee, den König zu putzen. Auf dem
Hof der Gaststätte Blankertz wurde
eine große, schwarze Tafel an einer
Wand aufgehängt und darauf mit Kreide
ein Vogel gemalt. Jedes Bruderschaftsmitglied
mußte nun mit einem Lappen ein Stück
des Vogels wegwischen. Wer das letzte Stück
wegwischte, war König. Anfangs ging
die Sache rasch voran, doch mit der Zeit
wurden die weggewischten Stücke immer
kleiner. Als schließlich nur noch
der Schwanz des Vogels auf der Tafel stand,
schien sich die Sache aus Mangel an Bewerbern
und wegen der Winzigkeit der weggewischten
Stücke ins Unendliche zu ziehen. Da
wurde es Josef Lenders von gegenüber
zuviel und mit dem Ausruf: "Bön
et satt möt die Düemerei, fott
möt dä Stätz!" wischte
er mit einer Handbewegung den Rest des Vogels
weg und half somit der Bruderschaft aus
dem Dilemma.

"Die Belgier
kommen"
1923 bestand nicht nur Schießverbot,
sondern auch noch Verbot des Schützenaufzuges.
Man hielt sich jedoch einfach nicht daran
und machte einen bescheidenen Zug ohne Uniformen.
Als das Regiment montags zur Parade in Drölsholz
umherzog, erscholl plötzlich der Warnruf:
"Die Belgier kommen!" In der Ferne
war aus Richtung Kleinenbroich kommend eine
belgische Militärpatrouille aufgetaucht.
Wie auf ein Kommando stob das ganze Regiment
einschließlich Musik, König und
Gefolge auseinander und versteckte sich
in den einzelnen Drölsholzer Häusern.
An Weitermarschieren war anschließend
nicht mehr zu denken, da die Belgier die
Angelegenheit aus der Ferne wahrgenommen
hatten. Auf getrennten Wegen verzogen sich
alle Schützen nach Hause, um sich jedoch
abends wieder in den Festsälen den
Kirmesfreuden hinzugeben.

Die Armbrust
1948 durfte wieder einmal der König
nicht mit Feuerwaffen ausgeschossen werden.
Da man aber wie im Vorjahr den König
nicht wieder auslosen wollte, kam man auf
die Idee des Armbrustschießens. Die
Armbrust wurde eigens dazu in Büttgen-Vorst
ausgeliehen, und man begann aus kürzester
Entfernung auf den Vogel zu schießen.
Da man im Gebrauch dieser Waffe völlig
unerfahren war, verbot sich die Benutzung
des Hochstandes von selbst, zumal die verschossenen
Bolzen jedesmal wieder entfernt werden mußten.
Die Unerfahrenheit der Schützen hatte
zur Folge, daß der Vogel bei einem
unbeabsichtigten Treffer zu Boden fiel.
Mit einem stummen Schrei ließ der
Schütze die Armbrust fallen, und er
wollte sich gerade in sein Schicksal fügen,
als Winand Hoster ihm aus dem Dilemma half
und für ihn aufzog.

"Palaver"
Die Liedberger entwickelten (oder entwickeln?)
unmittelbar vor dem Schützenfest einen
ausgesprochenen Hang zur Streitsucht. Die
Anlässe standen dabei meist in keinem
Verhältnis zu den Folgen des Streits.
Beliebtester Zankapfel war der Aufenthalt
des Königs in den Festsälen und
die Gestaltung der Marschmusik. So kam es
vor, daß König, Hauptmann und
Offiziere acht Tage vor Kirmes Nachforderungen
betreffs der Anzahl der Musiker erhoben
und den Vorstand "kaltstellten".
Um des lieben Frie-dens willen blieb diesem
dann nichts anderes übrig, als sich
trotz bereits abgeschlossener Verträge
um neue Verhandlungen mit den Kapellenleitungen
zu bemühen. Der absolute Höhepunkt
eines solchen Streites war, daß der
König sich weigerte aufzuziehen, unter
Protest das Versammlungslokal verließ
und sich in eine Schmollecke zurückzog.
Nun waren die Brudermeister und Präsides
gefordert, denen es dann auch immer gelang,
allerdings unter Anerkennung von nicht geplanten
Sonderwünschen, den König zur
Wiederaufnahme seiner Amtsgeschäfte
zu bewegen. War das Schützenfest anschließend
einmal in Gang, so war natürlich alles
halb so schlimm gewesen, und es herrschte
wieder eitel Sonnenschein.

Der Einspruch
1953 nahm eine Abordnung der Bruderschaft,
bestehend aus dem Schützenkönig
und zwei treffsicheren Schützen, die
allerdings nicht Minister waren, an einem
Schießen um den Mathias-Neidhöfer-Pokal
der "Historischen Deutschen Schützenbruderschaften"
in Büttgen-Driesch teil. Geübt
wie alle drei waren, hatten sie schnell
heraus, daß man den Vogel durch Losschießen
der eisernen Stange, auf der der Vogel befestigt
war, schnell zu Fall bringen konnte. Als
sie wieder an die Reihe kamen, schossen
sie mit ihren drei Schuß die Stange
aus dem Holzbalken frei, und der Vogel fiel
mitsamt der Stange zu Boden. Jedermann,
außer den favorisierten Neussern und
dem gerade nicht anwesenden Bundesmeister,
jubelte den neuen Pokalsiegern zu. Die Freude
währte jedoch nicht lange, denn der
herzugeeilte Bundesmeister erklärte
den Abschuß für ordnungswidrig
und ließ den Vogel mitsamt Stange
wieder auf den zerschossenen Holzbalken
befördern. Die Liedberger Mannschaft,
zum Weiterschießen aufgefordert, verließ
unter Protest den Schießplatz. Der
nächste Schütze einer anderen
Mannschaft holte den Vogel prompt wieder
herab, und diese wurden dann auch Pokalsieger.
Voll Zorn riefen die Liedberger Bruderschaftler
mit einer offiziellen Klage das Ehrengericht
der "Historischen Deutschen Schützenbruderschaften"
an. Da sich der Bundesverband jedoch zu
keiner Revision durchringen konnte, zog
man vorsorglich die Anmeldung zur Ausrichtung
des Stiftungsfestes des Kreisverbandes zurück.
Die ganze An-gelegenheit endete schließlich
wie das Hornberger Schießen. Nach
einer Entschuldigung des Bundesmeisters
zogen die Liedberger ihre Klage zurück.

Eine Einladung
(Original, an einen Schützenkönig
eines benachbarten Ortes)
Sr. Majestät König Wilhelm 1.
Majestät!
Die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft
Liedberg erlaubt sich untertänigst,
Seine Majestät zu ihrem diesjährigen
Schützenfest einzuladen. Es wird uns
eine große Freude sein, Majestät
bei den Veranstaltungen begrüßen
zu dürfen. Wir geben der Hoffnung Ausdruck,
daß Majestät geruhen wird, unserer
Einladung gerne nachzukommen, um die Gemeinde
Liedberg durch seine Anwesenheit zu beehren.
Majestät würde uns zu untertänigstem
Dank verpflichten, wenn wir durch den Zeremonienmeister
von . . . nähere Einzelheiten über
die Ankunft in Liedberg erfahren würden,
damit uns in jeder Beziehung Gelegenheit
gegeben sein würde, ein entsprechendes
Arrangement einzuleiten.
Ergebenst
St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft
Liedberg

Glatteis
Der Familienabend am Sebastianustage erfreut
sich stets besonderer Beliebtheit. Wie es
der Zufall oder besser das Wetter wollte,
setzte kurz vor Beginn des Unterhaltungsabends
1979 ein Eisregen ein, der in Minutenschnelle
alle Wege und Straßen mit zentimeterdickem
Glatteis überzog. Nun war guter Rat
teuer, besonders für die Bewohner von
Steinhausen und Drölsholz. Der Gebrauch
von Fahrzeugen war lebensgefährlich,
so mußte man schon zu Fuß den
Weg antreten, was natürlich auch nicht
so einfach war. Die Steinhausener und Drölsholzer
besannen sich auf einen alten Trick. Sie
zogen über ihre Schuhe abgetragene
Wollstrümpfe und Socken und schafften
sich so auf dem spiegelglatten Aufstieg
einigermaßen Halt. Da trotz der widrigen
Verhältnisse die Musikkapelle auch
noch eingetroffen war, wurde der Abend doch
noch sehr schön, und die Stimmung war
großartig. Auf dem Rückweg hatten
die Steinhausener und Drölsholzer noch
ein zusätzliches Vergnügen. Wer
wollte, konnte eine mehrere hundert Meter
lange Rutschbahn nach Hause benutzen, wobei
einige allerdings mehr auf dem Hosenboden
und auf dem Rücken liegend nach Hause
geschliddert sind.

Der Notgroschen
Seit dem Jahre 1956 besitzen die Liedberger
Schützenkönige ein Zepter. Die
Benutzer hatten schnell bemerkt, daß
sich das Zepter durch Auseinanderziehen
in zwei Teile zerlegen ließ. Der Durchmesser
des inneren Rohres ist so groß, daß
ein Fünfmarkstück genau hineinpaßte.
So bürgerte sich allmählich die
Sitte ein, daß der alte König
vor der Ubergabe des Zepters vier Fünfmarkstücke
hineingibt, um dem neuen König für
eventuell auf-tretende Engpässe unter
die Arme zu greifen. Wie das in Eurozeiten
geregelt ist, ist nicht wirklich bekannt.
Es ist aber davon auszugehen, dass fünf
2-Euro-Stücke für eine gerechte
Umrechnung sorgen.
|